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Pressemeldung
"Das Schlimmste was ich bisher erlebt habe" Pressemeldung drucken
11.01.2001
Auf den Bauernhöfen des Landes machen sich nach den jüngsten BSE-Fällen tiefe Sorgen breit. Jeder Rinderzüchter fürchtet, als nächster von einem BSE-Fall betroffen zu werden. Die Keulung des gesamten Rindviehbestandes nach einem BSE-Fall halten dagegen immer mehr Landwirte für falsch, zumal eine Übertragung der Seuche von Tier zu Tier bis heute nicht nachgewiesen ist. MdB Dietrich Austermann und MdL Hans-Jörn Arp informierten sich gestern auf dem Hof der Familie Boll in Kuskoppermoor über die aktuelle Situation auf dem Lande.

"Jetzt geht es darum, das Vertrauen der Verbraucher in die Landwirtschaft wieder zu gewinnen!“ So steckte der CDU-Bundestagsabgeordnete Dietrich Austermann aus Itzehoe das Ziel ab, als er sich gestern Vormittag gemeinsam mit dem Landtagsabgeordneten Hans-Jörn Arp aus Wacken über die von Sorgen geprägte Situation bei den Rinderhaltern informierte. Gemeinsam mit dem Bauernverbandsvorsitzenden Hartmut Ruge besuchten sie den Bauernhof der Familie Manfred Boll in Kuskoppermoor.

Der 50-jährige Landwirt, der den 70-Hektar-Hof gemeinsam mit seiner Ehefrau Renate und seinem 21 Jahre alten Sohn Eckhard als reinen Familienbetrieb bewirtschaftet, hat den Rindviehbestand mit viel züchterischer Arbeit zu seiner heutigen Leistungsstärke aufgebaut. "Dieser Aufbau erstreckt sich über eine ganze Generation“, sagte Manfred Boll und unterstrich die persönliche Bindung zu seinen Tieren: "Ich erkenne jede meiner 75 Milchkühe sofort - und sie kennen mich auch ganz genau.“ Deshalb fügte er mit Nachdruck hinzu: "Es gibt im Kreis Steinburg keine einzige Agrarfabrik, sondern ausnahmslos bäuerliche Familienbetriebe.“

Zusammen mit den weiblichen Kälbern hat Manfred Boll zur Zeit rund 170 Tiere in seinen Stallungen. In den Laufställen habe jedes Tier seinen eigenen Schlafplatz, nicht auf dem Spaltenboden und auch nicht auf dem nackten Beton, sondern alle entweder auf Stroh oder auf weichem Untergrund praktisch auf wärmenden Gummimatratzen.

Seit jeher legt Manfred Boll unter seinen Schwarzbunten größten Wert auf einen gesunden Viehbestand. "Fit statt fett“ lautet dabei sein Motto. In der Fütterung setzt er deshalb auf Einzelkomponenten und nur auf ein Mindestmaß an Kraftfutter. Dabei verlässt er sich auf die Qualitätsware der Lieferanten. Wirtschaftlicher Schwerpunkt seines bäuerlichen Betriebes ist die Milcherzeugung: "80 Prozent des Erlöses kommen aus der Milch.“ Als Folge der BSE-Krise sieht er einen weiteren Wandel von der Milch- und Fleischleistung hin zur Steigerung der Milchleistung pro Kuh. Das würde bedeuten, dass die Milchquote von weniger Kühen erfüllt und die Zahl der Rinder und damit auch das Rindfleischangebot sinken würden.

Manfred Boll macht sich wie wohl alle seine Berufskollegen und deren Familien größte Sorgen um die Zukunft der bäuerlichen Betriebe. "Viele können schon nicht mehr schlafen. Jeder befürchtet, als nächster betroffen zu werden.“ Dabei sei man völlig hilflos. Tiermehl sei im Gegensatz zu England in deutschen Ställen nie konzentriert verfüttert worden und seit 1994 für Rinder ohnehin verboten. "Wir haben die gläserne Landwirtschaft“, macht Manfred Boll angesichts der zentralen Datenbank in München sowie der vielfältigen Kontrollen durch das Amt für Ländliche Räume, den Landeskontrolldienst, den Landeskontrollverband und die Meiereibetriebe deutlich.

"Was jetzt auf uns zukommt, ist das Schlimmste, was ich in 23 Jahren Landwirtschaft miterlebt habe“, sorgt sich Manfred Boll um die Zukunft. Ebenso wie die meisten seiner Berufskollegen hält er "im Fall des Falles“ eine Tötung des gesamten Rindviehbestandes für falsch. Er spricht sich für das Schweizer Modell aus, das nur die Keulung der Rinder gleichen Jahrgangs und gleicher Abstammung vorsieht. Schließlich sei eine BSE-Übertragung von Tier zu Tier noch nie aufgetreten. "Eine Keulung der gesamten Herde ist völliger Quatsch und wirtschaftliche Unvernunft“, unterstützte ihn MdB Austermann.

"Unsere Bauern haben Vertrauen verdient“, unterstrich der CDU-Politiker. Er forderte Unterstützung für die Betriebe, die unverschuldet in Not geraten seien, und sprach sich ebenso wie Hans-Jörn Arp und Hartmut Ruge für eine gezielte Aufkaufaktion aus, um dann das getestete Rindfleisch einzulagern. Eine Absage erteilte er der Aufforderung von Bundeskanzler Gerhard Schröder in der Agenda 2000, die Landwirte müssten sich vermehrt auf die Welthandelsbedingungen einstellen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Dieser Aufruf zur "industriellen Landwirtschaft“ stehe der Politik des Bundes entgegen, die die wirtschaftliche Situation der Betriebe durch Entscheidungen im Agrardiesel, in der Sozialversicherung, der Berufsgenossenschaft und Altersversorgung immer mehr verschlechtert habe. "Unsere Bauern haben heute 25 Prozent weniger Einkommen als vor zwei Jahren“, wusste Austermann zu berichten.

MdL Hans-Jörn Arp kritisierte die finanzielle Zurückhaltung des Landes beim Tierseuchenfonds. Er werde in Schleswig-Holstein allein von den Landwirten finanziert, während alle anderen Bundesländer erhebliche Zuschüsse zu diesen Fonds leisten. (js)

 
Quelle: Wilstersche Zeitung
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