Hans-Jörn Arp

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Pressemitteilung vom 16.11.2009

Hans-Jörn Arp zum Volkstrauertag
 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Es gibt Menschen, die meinen, der Volkstrauertag hätte sich überholt und keine Daseinsberechtigung mehr in unserer heutigen Zeit. Der Krieg sei schon viel zu lange her.
Die Erinnerung daran längst verblasst. Wir leben seit über 60 Jahren in Frieden. Viele der Angehörigen der Opfer und Toten von damals seien schon lange tot. Warum an alte Wunden rühren?
Ich meine, der Volkstrauertag hat seine Berechtigung,
er ist notwendig und er ist sinnvoll.
Der Toten und Gefallenen gebührend zu gedenken,
liegt im Wesen der Menschen.
Sie sind Teil von uns. Ein Teil unserer Geschichte.

Den Opfern von Krieg, von Gewalt- und Willkürherrschaft zu gedenken, ist unser Wunsch und Wille. Dieses Verlangen entspringt - neben unserer persönlichen Betroffenheit und Trauer als Hinterbliebene - einem existentiellen Drang nach Klarheit und Wahrheit.
Der Sinn und Zweck des Volkstrauertages liegt auch darin begründet, die drängende Frage nach dem Warum, die Fragen nach den Ursachen und Anlässen der Kriege und - noch viel wichtiger - nach der Vermeidbarkeit immer wach zu halten, sie ehrlich und offen zu stellen und zu beantworten.
Dauerhafter Frieden ist ohne Gedenken, ohne Erinnern und Vergeben kaum möglich.
Der Volkstrauertag selbst hat eine lange und bewegte Vergangenheit. Seit 1924 richtet der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge jährlich die zentrale Gedenkfeier aus. Ziel war es zunächst, das Andenken an die Millionen von Kriegstoten des Ersten Weltkrieges zu bewahren.
In den Jahren 1934 bis 1945 vereinnahmten die Nationalsozialisten den Tag als "Heldengedenktag"und pervertierten die ursprüngliche Sinngebung. Sie missbrauchten den Gedenktag und die Gefühle zu ihrem größenwahnsinnigen, menschenverachtenden Machtstreben.
An der Renaissance der ursprünglichen Sinngebung des Volkstrauertages in der Bundesrepublik vermochte diese dunkelste Periode unserer Geschichte aber nichts zu ändern.
Seit 1952 begehen wir in Deutschland den Volkstrauertag als Gedenktag für die Opfer beider Weltkriege, aber auch für die Opfer von Willkür, Gewalt, Unmenschlichkeit und rücksichtslosem Machtstreben.


Die Erinnerung an eine leidvolle Vergangenheit ist nicht nur Mahnung, sondern auch Herausforderung für jeden Einzelnen von uns. Allein im Ersten Weltkrieg verloren neun Millionen Menschen ihr Leben. Über 55 Millionen starben im Zweiten Weltkrieg. Das sind zwei Weltkriege in einem Jahrhundert,
die wir, die unsere Eltern, die unsere Vorfahren erlebt und erlitten haben.


Kriege, Völkermord und Willkürherrschaft gab und gibt es in der Welt aber immer noch. Leider auch ganz aktuell.
Gedenken wir der Toten im Irak, in Afghanistan.
Für die aller meisten von uns sind Krieg, Massenvernichtung und Elend - Gott sei Dank - nur noch abstrakte Begriffe.
Seit über 60 Jahren leben wir Deutschen in Frieden und Freiheit.
Eine so lange Friedensperiode hat es bisher in unserer Geschichte noch nie gegeben. Wir alle sind aufgefordert, daran mitzuwirken, dass diese Periode des Friedens und des Wohlstandes sich auch in Zukunft fortsetzt.
Ohne eine sehr enge und schnelle Anbindung der Bundesrepublik an unsere westlichen Partner und die Aussöhnung zwischen Deutschen und Franzosen, initiiert von Visionären wie Robert Schuman und Jean Monnet, und mit politischen Leben erfüllt von Staatsmännern wie Konrad Adenauer und Charles de Gaulle, wäre diese Zeit des Friedens nie Realität geworden. Der Europäische Einigungsprozess ist auch heute noch Garant unserer Freiheit und unseres Friedens.




Meine Damen und Herren,
vor wenigen Tagen haben wir den 20. Jahrestag der friedlichen Revolution in der DDR gefeiert. Das ist wahrhaftig ein Grund zum Feiern. Auch das kommende Jahr wird - bis zum 3. Oktober - immer wieder von den Erinnerungen an die wichtigen Schritte bis zur Wiedervereinigung geprägt sein.



Wenn einem Mann die Ehre gebührt, zur richtigen Zeit die richtigen Schritte unternommen zu haben, dann ist es Helmut Kohl.
Wer hätte vor 21 Jahren daran geglaubt, dass die Wiedervereinigung absolut friedlich - mit Zustimmung Russlands, der USA und unserer west- und osteuropäischen Nachbarn - vollzogen werden könnte?
Niemand!
Wir sind dankbar dafür und dankbar, dass uns die Erweiterung der Europäische Gemeinschaft so schnell und so umfassend gelungen ist und dass wir gemeinsam in Frieden leben dürfen.
Wir sind froh darüber, dass die Gräuel von Krieg und Vertreibung lediglich in unserer Erinnerung als Mahnmal wach gehalten werden.



Zum Erinnern an die Schrecken des Krieges und das Leid, das wir Deutsche in der Welt verbreitet haben, gehört auch die Erinnerung an die Schrecken und die zivilen Opfer der Bombennächte und das Leid von Flucht und Vertreibung. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich möchte gewiss nicht das eine gegen das andere aufwiegen, sondern der Opfern dieses Kriegswahnsinns gedenken.
Mit dem "Erinnerungs- und Dokumentationszentrum zu Flucht und Vertreibung" im Deutschen Haus in Berlin haben nun auch diese Opfer nach langer und intensiver, manchmal auch unsachlicher Diskussion, eine Gedenk- und Erinnerungsstätte erhalten.
Nun wollen wir uns gemeinsam erinnern
- an die, die auf den Schlachtfeldern ihr Leben ließen,
- an die, die in Gefangenschaft gerieten und nicht mehr heimkehrten.
Wir gedenken der Menschen, die Opfer der Diktatur wurden, wegen ihrer politischen oder religiösen Überzeugung oder nur, weil sie einer anderen Rasse angehörten.
Wir gedenken der Toten, die bei Flucht und Vertreibung ihr Leben ließen.
Wir gedenken der Opfer des Bombenkrieges in Deutschland und in aller Welt.
Unser Erinnern richtet sich aber auch auf die, die Widerstand leisteten und ihre Courage mit dem Leben bezahlten.

Verneigen wir uns in Ehrfurcht und Trauer vor den Toten, die im Glauben an eine bessere, friedliche Welt für uns ihr Leben ließen. Ich danke Ihnen.